Winterliche Geh-Meditation

Achtsam gehen und dabei Geborgenheit und Weite spüren - Gehmeditation auf der Kottmüllerallee in Murnau im Winter - von Prof. Dr. Verena Begemann

In Murnau wurde in den 1870er Jahren eine wunderschöne, alte Eichenallee auf Anregung des liberalen Reichstagsabgeordneten Emeran Kottmüller (1825-1905) für die „neue Sommerfrische“ angelegt. Diese Allee beginnt kurz nach dem Münter-Haus und führt direkt ins Murnauer Moos. Ein Weg von der Kunst zur Natur, so könnte man sagen. Aber der gesamte Weg ist ein schöpferisches Kunstwerk und zeigt, wie kunstvoll und ästhetisch das Land des „Blauen Reiters“ ist und lädt zu einer Gehmeditation ein ...

Es braucht nicht viel, um mit sich ins Gespür zu kommen und gleichzeitig ist es ein großer Reichtum, wenn man sich morgens oder abends eine Stunde Zeit nehmen darf, um achtsam und langsam die alte, ein Kilometer lange Allee zu gehen. Im Winter hört und spürt man den knirschenden Schnee unter den Füßen, atmet aufmerksam und bewusst die kühle, klare Luft ein und aus. Und in dieser Stunde gilt es nichts zu erreichen, zu meistern oder zu kontrollieren, sondern einfach zu sein, zu genießen und eine Haltung der Dankbarkeit einzunehmen für das Leben, das Sein, die Schöpfung. Wieder einmal neu die Erfahrung zu machen, sich im eigenen Tempo fortzubewegen, ist ein Geschenk für den flexiblen, mobilen und beschleunigten Menschen der Moderne. Es stellt sich ein innerer Frieden ein, der durch die beruhigende Wirkung der Eichen und der Berglandschaft bestätigt und bekräftigt wird. Die Allee, das Murnauer Moos und die dahinter liegenden Berge symbolisieren Beständigkeit, Tragfähigkeit und Sicherheit in unsicheren Zeiten.

Der Blick in die Weite ist für die Augen sehr wohltuend, besonders im digitalen Zeitalter. Wie oft sind unsere Augen sind durch Bildschirmarbeit und Multitasking übermüdet und überstrapaziert. Man kann auf diesem Weg die Erfahrung machen, dass der Blick klarer und tiefer wird. Anspannungen und Fokussierungen lösen sich und ganz neu werden unendliche Farbschattierungen in wunderschönen Blau-, Grau- und Brauntönen, der sich ineinander verschachtelten Berge und Täler wahrgenommen. Eine Sinneserfahrung, die den Sinn erspüren lässt, für den es im Staunen kaum mehr Worte gibt. In einer offenen und aufmerksamen Haltung des weiten Blicks und des Schauens treten wir ein in die Beziehung mit dieser ästhetischen Landschaft. 

Es ist eine leiblich-geistige Resonanzerfahrung, wenn wir auf der Kottmüllerallee schweigend, hörend und spürend unterwegs sind. Wir empfangen die Schönheit der Welt, dürfen sie in uns aufnehmen und lassen uns von ihr berühren. Diese Landschaft ist beruhigend und anregend zugleich und darin zeigt sich auch die Dialektik der Gehmeditation: im achtsamen Gehen, das mit bewusstem Atmen und Schauen verbunden wird, lösen sich stressige und belastende Gedanken und eine neue Qualität des Denkens wird erfahrbar. Wir ringen nicht länger um Antworten und Lösungen für Fragen und Probleme, sondern der Geist kommt zwischen den Bäumen zur Ruhe, wird wieder klar und gewinnt an Vitalität. Eine Gehmeditation als „Sommer- oder Winterfrische“ für den überlasteten und gestressten Geist. Und erst wenn der Geist wieder frei und entspannt ist, können sich kreative Ideen in freudvoller Leichtigkeit entwickeln. Das ist die eine Seite des meditativen Spaziergangs. Die andere Seite ist, dass die Gehmeditation wertvoll in sich ist. Im achtsamen Gehen spüren wir die Tragfähigkeit der Erde, die Kostbarkeit der Gegenwart und das Geschenk des menschlichen Lebens. Die Funktionalität des Daseins mit all unseren Rollen, Positionen, Hierarchien und Aufgaben tritt in den Hintergrund. Wir müssen nicht um unseren Wert kämpfen oder ihn behaupten, sondern wir dürfen sein und Lebendigkeit im Hier und Jetzt spüren und uns lächelnd daran freuen. Es wird nicht langweilig, ein und denselben Weg immer wieder mit Aufmerksamkeit zu gehen, der einem vertraut geworden ist und den man lieb gewonnen hat. Vielmehr ist es so, je öfter man ihn geht, desto mehr Verbundenheit, Geborgenheit und Ehrfurcht kann sich entfalten. 

Achtsam und bewusst unterwegs zu sein, und sich mit der Schöpfung zu verbinden, ist Ausdruck von Schöpfungsspiritualität. Wir spüren, wie bedürftig wir nach frischer Luft, weiten Ausblicken, Bewegung und Bäumen sind und wie dieses Zusammenspiel unser Wohlbefinden steigert. Wir erleben uns eingewoben in diese Welt und spüren unsere Bezogenheit auf ein Du. Der Religionsphilosoph Martin Buber (1878-1965) hat das Leben mit der Natur als eine Sphäre bezeichnet, in der der Mensch eine wahrhaftige Ich-Du-Beziehung erfahren kann: „Kein Eindruck ist der Baum, kein Spiel meiner Vorstellung, kein Stimmungswert, sondern er leibt mir gegenüber und hat mit mir zu schaffen, wie ich mit ihm – nur anders“ (Buber Ich und Du, 1995. S.8). Bäume können zu Weggefährten, Ratgebern und Zuhörern werden. Sie sind gut verwurzelt, strecken sich in den Himmel und bilden nur gemeinsam eine Allee. Davon können wir Menschen viel lernen. Eine gute Verwurzelung ist für das Gelingen des Lebens notwendig und schenkt Stabilität in der Lebensführung. Wachstum und Streben lassen uns motiviert unsere Lebensziele erreichen, derer wir uns würdig erweisen wollen und müssen. Und wir spüren die Bedürftigkeit aufeinander angewiesen zu sein. Wieviel Kraft und Inspiration geht von einer guten Gemeinschaft aus. 

Ja, eine Allee ist ein Symbol für das gute, gelingende Leben und verweist auf den, der sich in allem zeigt und mit allen ist: „In jeder Sphäre, durch jedes uns gegenwärtig Werdende blicken wir an den Saum des ewigen Du hin, aus jedem vernehmen wir ein Wehen von ihm, in jedem Du reden wir das ewige an, in jeder Sphäre nach ihrer Weise“ (Buber, Ich und Du, 1995, S. 7). Leiblich-geistige Resonanzerfahrungen auf der Kottmüllerallee sind besondere Kraftquellen und in Bubers Verständnis sind sie Ausblicke auf die Gottesbegegnung. Der Mensch ist zutiefst beschenkt von der Ich-Du-Beziehung mit der Natur und erhält eine Ahnung – ein Wehen – von der Begegnung mit dem ewigen Du. Diese Erfahrung ist Geschenk und Gnade und der Aufruf, das Leben als Geschöpf verantwortlich zu gestalten.    Impulsfragen zur Reflexion:

  • Gibt es für mich einen Sehnsuchtsort, der mir Geborgenheit und Lebensfreude schenkt  und den ich immer mal wieder aufsuche? 
  • Wann habe ich das letzte Mal über die Schönheit der Natur gestaunt?
  • Wie verbinden sich für mich Sinn und Sinneserfahrung?

 

„Ich war in den Bergen und hab mich in die Welt des Herrgotts verkuschelt. Es war schön und ich werde bald wieder gehen. Viele Bilder werden bleiben. Um uns die aufgeblätterte Welt Gottes und der Menschen“ (Delp, Worte der Hoffnung, 2009, S. 11).